Digital-Apostel in Vogel-Strauß-Manier

oder: Sprechverbote über Datenschutz in Schulen sind keine Lösung

Anmerkungen zu den Beiträgen „Datenschutz in der Schule“ (1) und „Lehrkräfte sollen nicht mehr über Datenschutz sprechen“ eines Schweizer Kantonschullehrers (2).

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Mit dem Einzug von Digital- und Netzwerktechniken in den Schulen müssen sich Schulträger, Schulleitungen und Kollegien mit Fragen befassen, die nicht pädagogisch zu beantworten sind. Eine der wichtigsten Frage ist die nach dem Schutz der Daten Minderjähriger. So steht es auch im Artikel eines Lehrers der Kantonsschule Wettingen.

„Schulen verwalten sensible Daten: neben Adresslisten auch Absenzensysteme, digital erfasste Noten oder Akten mit Verhaltensbeurteilungen, disziplinarischen Massnahmen sowie psychologischen und medizinischen Einschätzungen von SchülerInnen. Diese Informationen verdienen höchsten Schutz.“ (1)

Das sollte an sich selbstverständlich sein. Fürsorge und Schutz Minderjähriger ist eine gesamtgesellschaftliche und soziale Aufgabe demokratischer Staaten. Das umfasst in einer immer stärker digitalisierten Welt notwendig auch deren Daten und muss verbindlich gesetzlich geregelt werden. Europa holte mit der im Mai 2016 beschlossenen und im Mai 2018 in Kraft getretenen Europäischen Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO) nach, was in den USA mit dem Children’s Online Privacy Protection Act (COPPA) bereits seit 1998 gilt.Diese Verordnung gilt in der Schweiz als Nicht-EU-Land nicht, aber es gibt vergleichbare Gesetze. Umso erschreckender , was in den folgenden Absätzen steht:

„Die bequemen Hilfsmittel der grossen Anbieter haben sich, oft inoffiziell, durchgesetzt. Wenige Lehrpersonen lassen sich von Schulleitungen vorschreiben, welche Werkzeuge sie benutzen. (…) Schulen und Lehrpersonen setzen sich regelmässig über elementare Gebote des Datenschutzes hinweg, auf den Kinder ein besonderes Anrecht haben. Sie erheben Daten intransparent, schützen sie wenig und verwenden sie nicht zweckgebunden“(1)

Dazu sollte man wissen: Datenschutzverordnungen schützen keine Daten – das wäre eine technische Aufgabe – sondern die Grundrechte jedes und jeder Einzelnen. Dazu gehören z.B. das informationelle Selbstbestimmungsrecht, die Zustimmungspflicht vor dem Speichern personenbezogener Daten, das Recht auf Einsicht in und eine Löschoption für personenbezogene Daten. Rechtsvorgaben zum Datenschutz sichern in einer immer stärker mit digitalen Endgeräten wie Laptops, Tablets oder Smartphones durchsetzten Welt letztlich das Recht auf Privatsphäre. Dieses Recht, keine Daten zu generieren und/oder weitergeben zu müssen, steht durch die ganzen „smarten“ Geräte und den permanenten Rückkanal für Nutzerdaten zur Disposition. Smart Home, Smart School, Smart City heißt im Kern ja nur: Wir generieren durch unser Verhalten permanent Daten, die von wenigen Datenmonopolisten gesammelt und ausgewertet werden. Personalisierte Daten sind die Geschäftsgrundlage der Daten- und Plattformökonomie des Silicon Valley.

Eine besonders wichtige Nutzergruppe sind dabei Kinder und Minderjährige. Sie sind i.d.R. nicht nur besonders offen und neugierig gegenüber neuen Techniken, d.h. digitalaffin. Sie sind auch besonders leicht zu beeinflussen. Sie haben vor allem noch eine lange Konsumbiografie vor sich. Das macht sie so attraktiv für Datensammler. Kinder und Jugendliche können vor allem eher selten über die zugrundeliegenden Mechanismen und Geschäftsmodelle reflektieren. Daran scheitern ha sogar studierte Lehrkräfte, wie in beiden Beiträgen nachzulesen ist. In Deutschland wird deshalb aktuell das Jugendschutzgesetz dahin gehend geändert, dass Kinder im Netz vor Einflussnahme, versteckten Käufen, Mobbing. Stalking u.v.m. geschützt werden müssen. Irritierend ist daher, was im zweiten Beitrag zum Datenschutz an Schulen und den Einsatz von Netzdiensten eines Schweizer Lehrers steht, und durch eine falsche Analogie weiter verharmlost wird:

„Ich habe nie kontrolliert, ob unser Gebäude erdbebensicher ist und werde das auch nicht tun. Auch wenn ich es wichtig finde, dass die Schule nicht einstürzt. Genau so ist es beim Datenschutz: Er ist wichtig, aber fällt nicht in unseren Zuständigkeitsbereich. Sprechen wir über was anderes.“ (2)

Datenschutz schützt Grundrechte, nicht Daten

Den Schutz von Grundrechten kann man als Bürger einer Demokratie, zumal als Lehrkraft, nicht delegieren. Im Gegenteil. Aufgabe wäre, gerade Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass Grundrechte nicht verhandelbar sind, schon gar nicht aus wirtschaftlichen Partikularinteressen. Auch die Analogie des Erdbebens ist falsch, weil man auf Naturereignisse wie Erdbeben keinen Einfluss hat, anders als beim Einsatz technischer Systeme. Bei menschengemachten Technologien hilft bereits eine Technikfolgeabschätzung (TA) im Vorfeld, mögliche Schäden verhindern. Wir sind schließlich nicht nur in der Lage, technische Systeme zu entwickeln, sondern auch deren möglichen Auswirkungen und Folgen zu antizipieren. (Ob daraus immer die richtigen Schlüsse gezogen werden, steht auf einem anderen Blatt.)

Stattdessen wird im Artikel auf Fachpersonen verwiesen, weil „Lehrpersonen die Komplexität des Themas gar nicht erfassen können und mit ihrem Handeln möglicherweise eine falsche Sicherheit vorgaukeln, wo es gar keine geben kann“ Auch hier zeigt sich ein Denkfehler: Lehrkräfte sollen nicht die technischen Systeme entwickeln, sondern verantwortungsbewusst einsetzen. Wenn aber klar ist, dass diese Systeme nicht datenschutz-, sprich grundrechtkonform zu betreiben sind, kann man logisch nur folgern, dass sie für Schule und Unterricht unbrauchbar sind.

Die Verantwortung für das eigene Tun zu verweigern ist vor allem ein Rückfall in die Zeit vor der Aufklärung. „Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“ schreibt Immanuel Kant in seinem Text „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung“ von 1784. Verdrießliche Geschäft sollen andere machen?

Oder: „Fachpersonen“ müssten Bedingungen schaffen, unter denen Lehrkräfte arbeiten könnten. Haben nicht gerade die Diskussionen über Corona gezeigt, dass die Delegation von Verantwortung an Experten keine Lösung ist? Zum einen sind sich „Fachpersonen“ selbst untereinander nicht einig. Was man den Rechtsanwälten nachsagt (drei Anwälte, mindestens vier Positionen) lässt sich auch auf Epidemiologen und Virologen übertragen. Wichtiger noch ist, dass wichtige Entscheidungen nicht nur von Fachpersonen einer Disziplin entschieden werden dürfen. Was aus Sicht von Virologen möglicherweise sinnvoll ist (Lockdown und Kontaktverbote für Kinder), ist aus Sicht von Pädiatern (Kinderärzten), Pädagogen und Psychologen schlicht Kindesmisshandlung.

Demokratie statt Expertokratie

In einer aufgeklärten und demokratischen Gesellschaft werden Entscheidungsprozesse daher gerade nicht Experten und fachlich spezialisierter Expertise überlassen. Das führte nur zu einer Expertokratie oder, bei IT-Systemen, zu einem technologischen Totalitarismus (Schirrmacher, 2015). Als technische Variante des Autoritarismus würden zwar die Systeme und internen Abläufe optimiert, aber die Sozialgemeinschaft geriete unter Kontrolle von Algorithmen, wie z.B. in China. Die digitale Infrastruktur erlaubt die Kontrolle des Einzelnen bis in die Privathaushalte hinein.

Irritierend ist, dass der Autor beider Texte identisch und Lehrer ist. Philippe Wampfler agiert ansonsten als munterer Lautsprecher (Befürworter) des Digitalen in Schulen. Nur beim Datenschutz kneift er? Fatalistisch wird seine Argumentation, wenn der Schutz der Privatsphäre in einem Satz aufgelöst wird. „Wir leben im Zeitalter der Pseudoprivatsphäre, auch an den Schulen.“ (2) Bitte? Die digitale Transformation aller Gesellschaftsbereiche mit dem Ziel der digitalen Organisation der Gesellschaft ist Ziel, nicht Fakt. Hinter Technologien stehen Unternehmen, Personen und Interessen. Sollten nicht gerade Lehrkräfte thematisieren, wie es zur Auflösung der Privatsphäre als Grundbedingung des freien und selbstbestimmten Menschen kommen kann, wenn man sich IT-Systemen überantwortet? Wäre es nicht die Aufgabe gerade in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die (hier klar) wirtschaftlichen Interessen weniger IT-Monopole herauszuarbeiten und Gegenstrategien zu entwickeln?

Autoritarismus und Überwachungskapitalismus

Defätistisch wird es, wenn Wampfler autoritäre und demokratische Systeme in ihrem Verhalten gleichsetzt. „Wer berechtigterweise versucht, Unternehmen den Blick in seine Daten zu verweigern, kann doch Regierungen, diktatorische wie demokratische, nicht daran hindern, mit diesen Daten zu tun, was sie als notwendig erachten.“ Ist einem Kantonlehrer der Unterschied zwischen politisch autoritären Systemen und der Gewaltenteilung in demokratischen Strukturen nicht bewusst? In demokratischen Staaten werden Datenerhebung und -auswertung durch Rechtsnormen festgelegt und z.B. öffentlich diskutiert.

Richtig ist, dass nicht nur östliche Gesellschaften wie China, Korea oder Russland ihre Bevölkerung mit Hilfe von Digitaltechnik und Netzdiensten überwachen. Die amerikanische Wissenschaftlerin Shoshana Zuboff bezeichnet die Kombination aus westlichen Geschäftsmodellen der Datenwirtschaft in Verbindung mit der bereits existierenden IT-Infrastruktur als „Überwachungskapitalismus“ (Zuboff 2018) Auch das wäre in der Schule zu thematisieren, es wären Alternativen zu diskutieren statt den Kopf in Vogel-Strauß-Manier in den Sand zu stecken und als „Lösung“ nur anzubieten: „Nicht mehr über Datenschutz sprechen.“ (1)

Technische Alternativen

Wer öffentlichkeitswirksam Digitaltechnik in Schulen bewirbt, sollte zudem wissen, dass es bereits technische Lösungen gegen den Überwachungsstaat (Ost wie West) gibt. Weltweit arbeiten Wissenschaftler und Netzaktivisten an alternativen Konzepten. Genannt sei der „Contract for the Web“ (2019) von Tim Berners-Lee vom MIT, dem „Vater des Web und sein Projekt SOLID. Hingewiesen sei auf die vielen funktionierenden Projekte der Open Source Business Alliance mit Intranet- und Edge-Computing-Konzepten, in Schulen schon im Einsatz.

Oder: Rechner im Netz sind nicht zu sichern? Ja, deshalb hängt man sie nicht ins Netz, sondern baut geschlossene Netzwerke auf, kommuniziert digital verschlüsselt und trennt interne und externe Kommunikation auch physisch in verschiedene Netze. Die Geheimdienste (West wie Ost) können die Systeme trotzdem hacken?, Ja, deshalb schließt man Verträge. Verträge werden gebrochen?,Ja, deshalb diskutiert man auf der einzig relevanten, der politischen, Ebene zwischen Staaten: Wie gehen wir miteinander um? Gilt nur noch das Recht des Stärkeren oder bewahren wir trotz digitaler Vernetzung demokratische Strukturen? All das sind Fragen, die man auch in der Schule thematisieren kann – und muss.

Aussagen wie „Das Netz, das viele Menschen verbindet, verhindert, dass Daten geschützt werden können.“ oder „Dieser Kontrollverlust kann momentan durch Regulierung nicht unterbunden werden.“ sind schlicht falsch. Die Legislative ist notwendig langsamer als ein viriler Markt mit disruptiven StartUps. Die parlamentarisch legitimierten Gesetze und Regulierungen der Nationalstaaten und der EU aber als „juristischen Aktivismus“ zu diffamieren, der nur zu einer Scheinsicherheit führe, ist ebenso vermessen. wie die Diskreditierung der Verordnungen als Softwarebürokratie.
Am Ende beider Beträge versucht Wampfler zwar, die Aufgabe jeglicher Rechtsnormen wieder einzufangen. Gefragt sei politisches Bewusstsein und man dürfe nicht aus dem Blick verlieren, dass das Individuums das Recht habe, über seine personenbezogenen Informationen selbst zu bestimmen. Die Weigerung über Datenschutz zu sprechen sei auch kein Persilschein, um Schülerdaten ins Netz zu laden, kein Aufruf zur Ignoranz, „sondern sich bewusst zu machen, welche Kompetenz Lehrende haben. Und welche sie gerade nicht haben..“ Aber mit der Aussage, dass sich Lehrkräfte Diskussionen beenden sollten, sobald juristisches oder technisches Fachwissen gebraucht würde über das sie nicht verfügen, ist de facto die Vogel Strauss-Methode statt Diskurs.

Erziehung zur (Eigen)Verantwortung

Wer auf der einen Seite lautstark für Digitaltechnik in Schulen plädiert, aber den Diskurs über und die Verantwortung für technischen Strukturen hinter dem Bildschirm (The Dark Side of the Web) verweigert, sollte in sich gehen. An Schulen brauchen wir Lehrkräfte, die junge Menschen ermutigen, hinter die Bildschirme zu schauen, existierende Strukturen und Geschäftsmodelle zu hinterfragen. Der Diskurs der Experten der verschiedenen Disziplinen und divergierenden Perspektiven, altersgerecht vermittelt, ist auch im Unterricht die Grundlage, um zu lernen, dass man Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen muss. Auch der/die Einzelne muss Position beziehen. Denn die Folgen der Digitalisierung der Schulen sind bereits absehbar Die amerikanische Wissenschaftlerin Shoshana Zuboff fasst ihre Analyse der IT-Systeme und die Unbedarftheit vieler User, auch digitalbegeisteter Lehrer, so zusammen:

„Ich vergleiche unseren heutigen naiven Umgang mit digitalen Technologien gern mit der Art, wie die amerikanischen Ureinwohner die spanischen Eroberer willkommen geheißen haben. Diese Menschen hatten keine Chance, die Bedeutung der Ankunft einer neuen Macht zu erahnen, die ihre spätere Unterwerfung mit sich brachte.“ (Zuboff, 2018b, 515)

Wir können, nach knapp 30 Jahren Web und etwa 20 Jahren Social Media, nicht mehr nur erahnen, sondern in Studien belegen, in Aufsätzen und Beiträgen nachlesen und in Dokumentationen und Filmen anschauen, was uns erwartet und was werden soll, wen die smarten IT-Monopole ihre Ideen realisieren und ihre Märkte bespielen, mit uns als willigen Datenspendern. Oder wir nutzen unsere Reflektionsvermögen und suchen den Diskurs, übernehmen die Verantwortung für unser Handeln und gestalten die Zukunft im Dialog mit anderen.

1) Wampfler, Philippe (2020) Datenschutz in der Schule. Zwischen Naivität und Paranoia,
2) Wampfler, Philippe (2020) Lehrkräfte sollten nicht mehr über Datenschutz sprechen

Der Beitrag als PDF: Digital-Apostel in Vogel-Strauß-Manier

Weiterführende Literatur

  • Böhme, Gottfried (2020) Der gesteuerte Mensch? Digitalpakt Bildung – eine Kritik
  • Firnkes, Michael ()2015) Das gekaufte Web. Wie wir online manipuliert werden
  • Lanier, Jaron (2018) Zehn Gründe, warum Du Deine Social Media Accounts sofort löschen musst
  • Münch, Richard (2018) Der bildungsindustrielle Komplex. Schule u. Unterricht im Wettbewerbsstaat
  • O‘Neil, Cathy (2017) Angriff der Algorithmen. Wie sie Wahlen manipulieren, Berufschancen zerstören und unsere Gesundheit gefährden.
  • Snowden, Edward (2019) Permanent Record. Meine Geschichte
  • Winter, Annie (2020) Code kaputt. Macht und Dekadenz im Silicon Valley
  • Wylie, Christopher (2020) Mind F*ck. Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird
  • Türcke, Christoph (2019) Digitale Gefolgsgesellschaft. Auf dem Weg in eine neue Stammesgesellschaft
  • Zuboff, Shoshana (2018a) Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus
  • Zuboff, Shoshana (2018b) Es gibt eine unerträgliche Sehnsucht in vielen von uns, in: Der Spiegel Nr. 40, vom 29.9.2018, S.68-70