Bildung 4.0: Per Algorithmus automatisch klug?

Vier.Punkt.Null: Automatisierungstechnik und Softwarelogik

Unter der Internetadresse bildungviernull.nrw startete die Landesregierung NRW im November 2015 einen Dialog zum „Lernen im digitalen Wandel“. Im März 2016 folgt noch ein Kongress.

Wer den Begriff Bildung 4.0 mit „selbstbestimmtem und selbstorganisiertem Lernen“ in Verbindung bringt, hat entweder nichts von Automatisierungstechnik verstanden – oder argumentiert vorsätzlich falsch. Der Ursprungsbegriff „Industrie 4.0“ ist ein Schlagwort aus der Hightech-Strategie (HTS; auch das ein Akronym aus dem BMBF; siehe Forschungsbericht: „Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0“, Oktober 2012) mit dem Ziel, „intelligente“, d.h. vollautomatische Fabriken (Smart Factory) zu entwickeln.

Das Paradigma der sich selbst steuernden und reproduzierenden Systeme hat seinen Ursprung in der Theorie der Kybernetik (Steuerungskunst) von Norbert Wiener (Cybernetics, 1946) und den Macy Conferences (1946–1953). Es korrespondiert heute mit dem „Internet der Dinge“ und der Vision der vollständigen Vernetzung aller elektronischen Geräte. Zunehmend autonome („intelligente“) Systeme organisieren sich selbst. Der Mensch wird obsolet. Alleine dadurch ist diese Vier.Punkt.Null-Terminologie als Metapher für Bildungsprozesse ungeeignet – sofern man humane Lehr- und Lernprozesse nicht als algorithmisch steuerbare und automatisierbare Prozesse behauptet.

Wer Bildung 4.0 in Analogie zu Industrie 4.0 benutzt, sollte zumindest die Konsequenzen bis zu Ende ausbuchstabieren. In vollautomatischen Lernfabriken wird das „Werkstück Mensch“ von der KiTa über Schule und Hochschule bis zur Erwachsenenbildung automatisch von Lernstation zu Lernstation geführt, wo von Algorithmen berechnete Lerneinheiten und Übungen die gewünschten Kompetenzen vermittelt und umgehend abgeprüft werden. Jeder Lernschritt wird vermessen und dient als Grundlage für individuelle Lernprofile und die nächsten Bearbeitungsschritte des zu formenden „Produkt Kompetenzträger“. Algorithmen bestimmen aufgrund der Leistungsfähigkeit, Geschwindigkeit, Fehlerquote, Frustationstoleranz und anderer Parameter des Probanden die zu erreichenden Lernziele. Software prüft, ob die angestrebten Kompetenzstufen erreicht werden und bestimmt die Berufswahl ebenso wie das Studienfach, das aufgrund der bisher vermessenen Leistungen vermutlich erfolgreich abgeschlossen werden kann. Hat der oder die Einzelne das maximal mögliche Kompetenzniveau erreicht, werden er oder sie als evaluiertes Humankapital mit definierten Kompetenzen dem Arbeitsmarkt zugeführt und ggf. nachgeschult, falls zukünftig weitere Kompetenzen gefordert werden.

Diese vollautomatischen Lernfabriken optimieren sich aufgrund der ermittelten Daten selbst und können so jede neue Generation der Werkstücke (dito: Menschen) effizienter „zurichten“ (wie es Wilhelm von Humboldt nannte). Ob dass das Ziel von Bildungseinrichtungen ist, darf man hinterfragen. Erschreckend ist, wer alles glaubt, „modern“ zu sein, nur weil Begriffe aus nichttechnischem Kontext (hier: Bildung) a-logisch mit Versionsnummern kombiniert werden und sich der Logik von Software-Vermarktungsstrategien unterwerfen.

Der ganze Beitrag (5 Seiten) als PDF: Lankau: Bildung 4.0 – cui bono?