Massiv gescheitert …

… war ein Beitrag zur „Digitalen Universität“ in der ZEIT (Oktober 2015) überschrieben. Nach drei Jahren Experimentieren mit MOOC (Massive Open Online Courses) könne nur das vollständige Scheitern dieser Form des Online-Studierens und der Vision der Online-Universitäten konstatiert werden, so die Praktiker und Experten. Nur in Gütersloh bläst man weiter in das falsche Horn.

Was einst als „Zukunft der Universitäten“ propagiert wurde – kostenlose Online-Kurse für alle – erweist sich nach drei Jahren Praxis als absoluter Flop. Wurde das Jahr 2012 von Anant Agarwal, als Präsident von edX als Online-Plattform am MIT und der New York Times, als „Year of the MOOC“ ausgerufen, so war in den USA schon 2013 das „Year of the Anti-MOOC“, Abbrecherquoten von bis zu 99% zeugen ebenso für das Scheitern dieser Form des Online-Lernens wie die rapide abnehmenden Teilnehmerzahlen nach dem ersten Hype.

SPOC statt MOOC

Gleich die ersten beiden Buchstaben seien falsch bei MOOC, so John Hennessey, Präsident der Stanford-University: Massive und Open. Statt der Massenkurse würden jetzt SPOC angeboten – Small Private Online Courses, kleine private Kurse. Die Kurse seien klein (small statt open), die Teilnehmer träfen sich jede Woche zumindest virtuell zu einer Videokonferenz mit einem Lehrasssistenten und kennen sich (fast) persönlich . Die Betreuung sei bei Teilnehmerzahlen von maximal 25 durch Mentoren und Tutoren auch dann gut zu bewerkstelligen, wenn nicht alle am gleichen Ort seien und per Video zugeschaltet würden (eine Kombination aus Online und Präsenz). Die Kurse seien und zudem kostenpflichtig (statt open), um die Mentoren und Tutoren bezahlen zu können. Und es würden keine ganzen Studiengänge mehr angeboten, sondern spezielle Kurse und Weiterbildungsangebote. Mit diesen Kurse zu konkreten Themen könne man man innerhalb weniger Monate bestimmte Fertigkeiten lernen und ein Zertifikat bekommen. Das wiederum ist das die klassische, mediengestützte Weiterbildung des Distance Learning mit Fachbuch, Funk- oder Telekolleg und heute eben Online-Kursen als Erweiterung um aktuelle technische Distributionskanäle. An den Unis etablieren sich Formate wie „flipped classroom“, was auch nur ein modischer begriff dafür ist, dass Studierende vor der Veranstaltung Texte lesen (oder heute Videos schauen), die in der Vorlesung oder im Seminar besprochen werden. Digitale Medien sind also  kein Ersatz für ein Präsenz-Studium, sondern eine Ergänzung der Lehrmedien zur Vor.- und Nachbereitung von Präsenzveranstaltungen.

Ort der Ahnungslosen?

Nur in Gütersloh sind die Erkenntnisse des Scheiterns von MOOC & Co. noch nicht angekommen oder werden vorsätzlich ausgeblendet. Im Buch „Die digitale Bildungsrevolution“ wird weiterhin das Hohelied der Onlinekurse gesungen, werden die massiven Abbruchquoten ebenso ausgeblendet wie die überarbeiteten Konzepte der Praktiker nicht zur Kenntnis genommen werden.

Damit erweist sich das Dräger/Müller-Eiselt Buch als das, was es ist: Ein Pamphlet, das unabhängig vom Scheitern der Online-Kurse und dem Scheitern der Online-Universitäten in der Praxis weiter für ein Konzept trommeln, das sich nur aus der selbst gesetzten Stiftungs-Agenda der Privatisierung und Kommerzialisierung von Bildungsangeboten speist.

Siehe auch die Rezension des Dräger/Müller-Eiselt-Buchs

Markus Deimann: Die erfundene Revolution

„Erzählt wird [die Geschichte der MOOCs; rl] ausschnitthaft und einseitig verzerrt. So findet man im Text ausschließlich Positivbeispiele und scheint auf dem Stand von 2012 stehen geblieben zu sein, als die New York Times das „Year of the MOOC“ ausrief. Doch die Entwicklung blieb seither nicht stehen und die Geschichte ging weiter. (…) Ironischerweise ist es der von den Autoren als Vordenker gefeierte Sebastian Thrun, der (…)  die von ihm mitentwickelten MOOCs als „lousy product“ bezeichnete und damit eine erstaunliche Kehrtwende vollzog von kostenlosen MOOCs für alle zu spezifisch zugeschnittenen Weiterbildungsprogrammen für den IT-Sektor.“

Quellen

Beck, Christine: Massiv gescheitert, in: Die ZEIT Nr. 44 vom29.Oktober 2015

Drösser, Christoph; Heuser, Uwe Jean : Moocs : Harvard für alle Welt. Das Internet revolutioniert die Bildung. Onlinekurse bieten die spannendsten Vorlesungen der berühmtesten Professoren an – weltweit und zum Nulltarif.

Lankau, Ralf : MOOC: Ohne Dozenten geht es nicht. Online-Kurse produzieren Lernsklaven und höchste Abbrecherquoten. Die Zeit vom 9.1.2014

Beitrag als PDF: Lankau: MOOC 2015